Vom Hörsaal in den Chefsessel
Die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist verwirrend: Auf der einen Seite fehlen Fachkräfte, andererseits finden zahlreiche Absolventen keine Anstellung und müssen sich mit Dauerpraktika begnügen. Viele Studienabgänger wählen daher direkt den Weg in die Selbstständigkeit und profitieren von den Vorteilen sein eigener Chef zu sein.
Abitur, Studium, Abschluss – und alle Chancen stehen einem offen. Der künftige Werdegang scheint oftmals vorprogrammiert und absehbar. Was aber, wenn nicht alles nach Plan verläuft und auch der Hochschulabschluss einer Eliteuniversität nicht den ersehnten Job mit sich bringt? So sieht die Realität leider oftmals aus: Das Studium wird in Rekordzeit durchgezogen, Auslandsaufenthalt und Praktika inklusive und dennoch müssen sich die meisten Absolventen mit einem Praktikum zufrieden geben. „Zu wenig Berufserfahrung“, lautet einer der gängigen Begründungen. Dabei verkennen Arbeitgeber oftmals das Potential junger, qualifizierter Arbeitnehmer. Hoch motiviert und fachlich kompetent verlassen sie die Universitäten. Doch selten können Absolventen ihre Ideen umsetzen: gefestigte Strukturen und Hierarchien bestimmen den Arbeitsalltag und lassen wenig Spielraum für kreativen Input. Hinzu kommen Zukunftsängste aufgrund von Zeitverträgen und unterdurchschnittlichen Gehältern.
Immer mehr Absolventen meiden das Angestelltenverhältnis
Immer mehr Studienabgänger meiden daher das Angestelltenverhältnis und begeben sich auf direktem Weg in die Selbstständigkeit. Eine stets größer werdende Zahl vor allem junger, gut ausgebildeter Menschen aus monotonen Arbeitsroutinen ausbrechen und sucht nach Spaß und Sinn mehr als nach Status und Geld in der eigenen Arbeit.
Als Freelancer oder Freiberufler kann man seinen Arbeitsalltag selbst strukturieren und schafft sich somit Freiräume, keineswegs gleichzusetzen mit mehr Freizeit. Aber der Großteil der Selbstständigen nimmt längere Arbeitszeiten gerne in Kauf, wenn sie dafür die persönlichen Interessen in der Arbeit verwirklichen können und mehr Flexibilität genießen. So sind etwa 15 Prozent der Absolventen der Universität Potsdam freiberuflich aktiv.
“Wir haben immer mehr Selbstständige in den letzten zehn Jahren. Insbesondere bei jüngeren Personen in großstädtischen Milieus können wir in dieser Kreativwirtschaft doch eine deutliche Zunahme von selbstständigen Tätigkeiten beobachten“, so Werner Eichhorst vom Bonner Institut für Mittelstandforschung im Deutschlandfunk.
Der größte Teil junger Selbstständiger sammelt bereits während des Studiums die ersten Berufserfahrungen. Meist über Freunde vermittelte Kontakte führen zu kleinen Aufträgen. Bei guter Leistung entwickeln sich daraus häufig langfristige Bindungen, die wiederrum neue Aufträge generieren können. Zusätzlich gibt es an jeder Universität Existenzgründungs-seminare und- initiativen. Hier lernt man durch Gespräche aus den Fehlern anderer und kann nebenbei ein gutes Netzwerk aufbauen.
Doch auch das Internet bietet jungen Selbstständigen neue Möglichkeiten, sich auf dem Markt zu etablieren. Online-Vermittlungsplattformen wie twago.de oder Projektwerk offerieren täglich eine Vielzahl neuer Projekte, für die Freiberufler Angebote abgeben können. Nach erfolgreich beendetem Auftrag bewerten die Auftraggeber die Arbeit. Auf diese Weise schafft man hohe Transparenz und minimiert das Risiko für künftige Auftraggeber. Zudem können die jungen Selbstständigen mit Gleichgesinnten in Kontakt treten und zugleich neue Kontakte knüpfen.
Neue Form des Arbeitens
„Wir müssen uns auf eine neue Form des Arbeitens einstellen. Unternehmen legen gesteigerten Wert auf Flexibilität und präferieren zunehmend projektbezogene Anstellungen“, ist Gunnar Berning, Geschäftsführer und Gründer von twago.de, überzeugt. Vor allem für kleine und junge Unternehmen sind Dienstleistungsplattformen daher eine vielversprechende Chance.“, so Berning weiter.
Als Betreiber der Plattform beschäftigt er sich täglich mit den Wünschen und Anforderungen sowohl von Dienstleistern als auch Auftraggebern. Eine Nutzeranalyse der twago-Plattform ergab, dass überwiegend Dienstleistungen aus dem IT- und Internet- Bereich sowie im Bereich Design und allgemeinen Unternehmensservices gesucht werden. Speziell in diesem Segment arbeiten Firmen gerne mit jungen, gut ausgebildeten Nachwuchstalenten zusammen. Davon profitieren beide Seiten: Unternehmen geben ihre Aufträge an externe Dienstleister ab, ohne die finanzielle Last einer Festanstellung tragen zu müssen. Dienstleister hingegen können sich ihre Tätigkeiten nach individuellen Präferenzen selbst aussuchen und haben somit mehr Freude an ihrer Arbeit. Nach Angaben von Mittelstanddirekt.de sind 91 Prozent der befragten Studenten froh über den Schritt in die Selbstständigkeit. „Ich muss mich nicht starren Regeln fügen, sondern kann selbst entscheiden, wie ich einen Auftrag erledige. Am Ende eines Arbeitstages blicke ich zufrieden auf den Tag. Früher kam ich von der Arbeit und war frustriert“, so Marlene Ende, Selbstständige Grafikerin aus Berlin.

